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Spitzen­gespräch

Spitzengespräch mit der Katholischen Kirche

Die Saarländische Landesregierung und die Spitzen der Bistümer Speyer und Trier haben sich am Dienstag in der Abtei in Tholey zu ihrem traditionellen Meinungsaustausch getroffen. Das sechste Gespräch der schwarz-roten Landesregierung mit den Bischöfen Dr. Karl-Heinz Wiesemann und Dr. Stephan Ackermann zeigte viele Übereinstimmungen in politischen und gesellschaftlichen Fragen.

65 Views 13.11.2018

Im Mittelpunkt des Austauschs standen neben sozialen Fragen vor allem die Synodenumsetzung und die Aufarbeitung der Missbrauchsgeschichte in den Bistümern.

Aufarbeitung sexueller Missbrauch/MHG-Studie

Mit Blick auf die Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs im Raum der Kirche sagte Bischof Ackermann: „Die Studie hat uns das Ausmaß des Verbrechens im Raum der katholischen Kirche erneut vor Augen gestellt, auch wenn wir davon ausgehen müssen, dass die Dunkelziffer der Betroffenen höher ist. Die Bischöfe wollten die Studie auch deshalb, um Auskunft zu bekommen über „katholische Spezifika“, die Missbrauch begünstigen. Die Forscher haben Empfehlungen gegeben, aus denen die Bischöfe einen umfangreichen Maßnahmenkatalog zusammengestellt haben. Beim nächsten Treffen der Bischöfe wird weiter darüber beraten.“

Wichtig sei: Die Studie selbst ist keine Aufarbeitung. Aufarbeitung müsse mit unabhängigen Partnern und Experten geschehen, unter Einbeziehung von Betroffenen. „Mit der Landesregierung haben wir Möglichkeiten der Kooperation besprochen. Auch die Zusammenarbeit mit den staatlichen Ermittlungsbehörden ist für uns ein wichtiger Baustein. In den Leitlinien der Bischofskonferenz ist diese verbindlich geregelt. Wir sichern volle Kooperation zu“, ergänzte Bischof Wiesemann.

Ministerpräsident Tobias Hans sagte dazu: „Die Landesregierung greift die Kooperationsbitte des Bistums Trier gerne auf. Die Landesregierung hat dazu die Möglichkeit geschaffen, dass sich Missbrauchsopfer, die sich nicht an kirchliche Stellen wenden wollen, bei einer staatliche Stelle melden können.“

Synodenumsetzung im Bistum Trier

Generalvikar Dr. Ulrich Graf von Plettenberg (Trier) erklärte: „Wir stehen im herausfordernden Prozess der Synodenumsetzung, was die Gründung der neuen Pfarreien angeht. Das führt zu Verunsicherung und Angst. Viele Menschen fragen, ob die Kirche im Dorf bleibt. Das können wir klar bejahen!“ Die neuen Strukturen sollen lokales Engagement ermöglichen, Menschen könnten sich weiterhin vor Ort für ihre Themen einbringen. „Gleichzeitig soll Raum für Neues entstehen, Seelsorgerinnen und Seelsorger sollen von Verwaltungsaufgaben entlastet werden.“ Natürlich werde es auch weiterhin Gremien und Gruppen geben, in den sich Menschen organisieren und engagieren können – und sich auch mandatiert einbringen können. „Und uns ist wichtig, dass es ein verlässliches Seelsorge-Angebot gibt, mit Gottesdiensten und Sakramentenspendung.“

Ministerpräsident Tobias Hans sagte dazu: „Grundsätzlich erwarten die Menschen im Saarland eine sichere und nachhaltige Form spiritueller Angebote in ihrer Gemeinde durch die Katholische Kirche. Für die Landespolitik ist das auch eine Frage der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse. Zu dieser Grundversorgung gehört ein funktionierendes kirchliches Gemeindeleben. Insbesondere Gottesdienste stiften Gemeinschaft und tragen – gerade auch im ländlichen Raum – zum Zusammenhalt bei. Für das praktische Gemeindeleben ebenso bedeutend sind die Möglichkeiten, das kirchliche Leben vor Ort in den Dörfern und Gemeinden selbst zu gestalten und mit Leben zu füllen. Gerade im ländlichen Raum spielt ehrenamtliches Engagement, das an kirchlichen Strukturen anknüpft, nach wie vor eine wichtige Rolle. Ohne lokale Verwurzelung droht die große Gefahr, dass Ehrenämter nicht mehr übernommen und bestehende Ehrenämter niedergelegt werden. Die Kirchen sind in den meisten saarländischen Dörfern nach wie vor das Zentrum des Ortes. Und die kirchliche Bindung der Menschen eine der Hauptquellen für ehrenamtliches Engagement auch im kulturellen und sozialen Bereich. Eine Auflösung dieser zivilgesellschaftlichen Qualität würde den Zusammenhalt und die Lebensfähigkeit unserer Dörfer deutlich schwächen.

Aber: Die Pläne sind durchaus vereinbar mit dem Wunsch der Menschen nach Nähe, wenn Seelsorgerinnen und Seelsorger von Verwaltungsaufgaben entlastet werden und wieder mehr Zeit für die Menschen, die Rat suchen, finden.“

Rechtspopulismus und Fremdenfeindlichkeit

Mit Blick auf die Problematik von Populismus und Fremdenfeindlichkeit betonte Generalvikar Andreas Sturm (Speyer): „Christ-Sein und Fremdenfeindlichkeit passen nicht zusammen. Wir dürfen nicht zu diesem Thema schweigen.“ Den Kirchen komme an dieser Stelle der Auftrag zu, das Thema anzunehmen und durch Veranstaltungen und differenzierte Informationen gegenzusteuern.

„Rechtspopulismus und Fremdenfeindlichkeit entstehen da, wo Menschen verunsichert sind durch falsche Informationen und gefühlte Wahrheiten“, sagte Sturm. Die Kirche in den beiden Bistümern wolle dem entgegensteuern. Sturm nannte das hohe Engagement in der Arbeit mit Geflüchteten, die Bearbeitung des Themas durch Jugendverbände oder Veranstaltungen zum interkulturellen Dialog oder „Trainings gegen Stammtischparolen“. Er wies auch darauf hin, dass die Bischofskonferenz einen Preis gegen Rassismus ausgelobt habe. Bischof Ackermann kündigte eine Arbeitshilfe der Bischöfe an mit dem Titel „Dem Populismus widerstehen“, die helfen soll, das Thema etwa in Gemeinden oder im Bereich der Erwachsenenbildung ins Gespräch zu bringen.

Ministerpräsident Tobias Hans sagte dazu: „Wachsende Fremdenfeindlichkeit hat auch etwas mit wachsenden Disparitäten als Nährboden zu tun. Wir müssen als Politik Antworten auf ungelöste Probleme finden, sowohl in der Migrationspolitik als auch im Hinblick auf ungleiche Lebensverhältnisse.“

Seligsprechung von Willi Graf

Ministerpräsident Tobias Hans sagte dazu: „Wir begrüßen dieses Verfahren – weil er außergewöhnliches geleistet hat und für uns alle heute ein Vorbild ist. Für Willi Graf war klar: ,Jeder Einzelne trägt die ganze Verantwortung.‘ Ob im Büro, im Verein, in der Kirchengemeinde oder im Parlament, auf der Straße oder in der Schule: Im Geiste von Willi Graf stehen wir alle heute in der Verantwortung, für eine offene, humane Gesellschaft einzutreten und allen rechtsextremistischen, antisemitischen, rassistischen, anti-muslimischen oder Äußerungen und Aktivitäten entgegenzutreten. Wenn wir unseren persönlichen Beitrag leisten für eine starke Zivilgesellschaft, in der menschenfeindliche Haltungen keinen Platz haben; wenn wir eintreten für eine menschenwürdige Gesellschaft; wenn wir mutig Stellung beziehen gegen Gewalt und Unrecht, dann stellen wir uns in die Tradition von Willi Graf.“