Weltkulturerbe Völklinger Hütte bei Nacht (in der Installation "Licht- Lumière" von Hans-Peter Kuhn).
© Weltkulturerbe Völklinger Hütte / Gerhard Kassner
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Industrie­kultur

Leitlinien der Industriekultur im Saarland

55 Views 31.10.2018

Die drei großen Felder der Industriekultur im Saarland

 

1. Leuchtturm UNESCO-Weltkulturerbe Völklinger Hütte (WVH)

Das Weltkulturerbe Völklinger Hütte ist ein Industriedenkmal von höchster Bedeutung. Seine Strahlkraft reicht weit über das Saarland hinaus. Das Weltkulturerbe Völklinger Hütte steht exemplarisch für die Prägung unseres Bundeslandes durch die Montanindustrie im 19. und 20. Jahrhundert. Das UNESCO-Welterbe hat sich zudem in den letzten Jahren zu „dem“ touristischen Leuchtturm des Saarlandes entwickelt.

 

In den nächsten Jahren wird es darum gehen, die Anforderungen, die aus der Anerkennung des Ensembles als UNESCO-Weltkulturerbe resultieren, zu erfüllen, den Zugang und die Nutzung für touristische Zwecke zu sichern und – wenn und wo möglich – zu erweitern sowie das Profil des Welterbes zu schärfen.

 

2. Denkmäler des Steinkohlenbergbaus

In den vergangenen Jahren konnten bereits an mehreren saarländischen Bergbaustandorten wertvolle Industriearchitekturen erhalten und dauerhaft gesichert werden. Einzelne historische Stätten des Saarbergbaus sind zudem neuen Nutzungen zugeführt worden. Dennoch besteht an den meisten Standorten dieser einstigen saarländischen Schlüsselindustrie Handlungsbedarf.

 

Das Gutachten von Rolf Höhmann / Jens Daube (beide Darmstadt) „Bergbaudenkmale im Saarland – Denkmalpflegerische Untersuchung – Denkmal- und Nutzungskonzeption“ (2013) hat die vier Standorte Velsen, Itzenplitz, Luisenthal und Camphausen als „prioritäre Bergbau-Denkmalstandorte“ eingestuft. Die ergänzende Expertise „Entwicklungsstudie zu den vier prioritären Bergbau-Denkmalstandorten im Saarland – Vertiefende Untersuchung 2016“ beschreibt den Zustand der Bestandteile der vier prioritären Tagesanlagen sowie der dort vorhandenen nutzbaren Flächen und nimmt eine Abschätzung der Sanierungskosten zur denkmalgerechten Erhaltung insbesondere der Hochbauten (Gebäude und Fördergerüste) und sonstiger Kosten im Hinblick auf die Herrichtung für eine sinnvolle Folgenutzung vor.

 

Die Regierungsparteien haben im Koalitionsvertrag 2017 eine Festlegung zum Umgang mit den vier benannten prioritären bergbaulichen Denkmal-Standorten getroffen. Im Vertragstext heißt es: „... streben wir an, … mindestens einen Standort in Gänze sowie bei den weiteren prioritären Standorten einzelne Anlagenteile dauerhaft zu erhalten und in Wert zu setzen“. Die Formulierung aus dem Koalitionsvertrag ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass grundsätzlich zwar die Verpflichtungen aus dem SDSchG für alle Denkmäler – auch für die vom Bergbauunternehmen als derzeitigem Eigentümer nicht mehr für dessen Betriebszwecke benötigten Immobilien des Steinkohlenbergbaus – gelten; dennoch müsste entsprechenden Abrissanträgen der derzeitigen Eigentümer aufgrund wirtschaftlicher Unzumutbarkeit der Erhaltung in der Mehrzahl nach dem selben Gesetz wohl zugestimmt werden. Hierbei ist auch zu berücksichtigen, dass die RAG AG betrieblich nicht mehr benötigte Bergbaudenkmäler aus beihilferechtlichen Gründen nicht dauerhaft unterhalten oder folgenutzen kann. Als Alternativen zu einem Abriss der Anlagen können ein Verkauf an Dritte oder ein „kontrollierter Verfall“ in Betracht gezogen werden. Demgegenüber stehen das öffentliche Interesse an der Erhaltung der Denkmäler und die enge Verbindung dieser Denkmäler zur saarländischen Geschichte und Identität.

 

Für die Umsetzung des Koalitionsvertrags müssen nun Fragen wie die der unter Bergaufsicht stehenden Flächen geklärt werden (zum Beispiel aufgrund der längerfristigen Beanspruchung wegen der Grubenwasserproblematik wie in Camphausen und Luisenthal). Auch muss geschaut werden, wie nachhaltig Gebäude und/oder Flächen inwertgesetzt werden können, um eine Förderung durch die RAG-Stiftung zu ermöglichen.

 

Es wird daher angestrebt, zunächst und zeitnah wahrnehmbare Fortschritte beim Erhalt, bei der Inwertsetzung und bei der Neunutzung an den vier prioritären Bergbaudenkmal-Standorten zu erreichen, um in einem zweiten oder dritten Schritt eine öffentliche Diskussion über den eventuellen Verzicht von einzelnen Denkmälern an den übrigen Standorten zu führen. Dabei sollen die vier prioritären Standorte Velsen, Itzenplitz, Camphausen und Luisenthal zuerst bzgl. der Entwicklung von Erhaltungs- und Nutzungs- sowie der korrespondierenden Finanzierungskonzepte in Angriff genommen werden.

 

Hierzu ist zunächst die verbindliche Zusammenarbeit mit den Beteiligten auf kommunaler Ebene, der RAG AG und der RAG Montan-Immobilien GmbH, der RAG-Stiftung, den Ehrenamtlichen und evtl. weiteren potenziellen Zuwendungsgebern und Kooperationspartnern zu organisieren. In „Runden Tischen“, die jeweils an den vier prioritären Standorten eingerichtet werden, sollen gemeinsam mit allen Beteiligten Strategien zur Entwicklung der Standorte erarbeitet und konkrete Schritte vereinbart werden. Private Investitionen und denkmalverträgliche Nutzungen, die die Unverwechselbarkeit der Standorte befördern und kommerziell nutzen, werden dabei Vorrang haben.

 

Auf politischer Ebene wird eine „Lenkungsgruppe“ unter Leitung des MBK einberufen, deren Arbeit sicherstellen soll, dass die Entwicklung der verschiedenen Standorte im Sinne eines Gesamtkonzeptes bezüglich Erhalt und Nutzung von Denkmälern sowie Entwicklung der altindustriellen Standorte unter wirtschaftlicher Betrachtung erfolgt.

 

3. Denkmäler aus anderen industriellen Bereichen

In der Vergangenheit haben im Saarland in erster Linie das Weltkulturerbe Völklinger Hütte und die Denkmäler des Steinkohlenbergbaus im Mittelpunkt der industriekulturellen und industriedenkmalpflegerischen Betrachtung gestanden. Dieser Sachverhalt hat dazu geführt, dass die vielfältigen und wertvollen Denkmäler aus anderen Industrie- und Wirtschaftsbereichen (z. B. Bergbau auf Erz und Kalk, Eisenhüttenwesen, Glas- und Porzellanproduktion, Lebensmittelerzeugung, Verkehrswesen etc.) weniger im öffentlichen Bewusstsein verankert sind.

 

Das Saarland verfügt auch in diesen anderen Branchen über ein reiches kulturelles Erbe. Exemplarisch sei auf das mittlerweile fast in Gänze restaurierte Denkmal-Ensemble „Alte Schmelz“ in St. Ingbert und auf die repräsentativ ausgestalteten Sachzeugnisse des traditionsreichen Unternehmens Villeroy & Boch in Mettlach verwiesen. Es wird somit auch Aufgabe sein, in einzelnen Fällen sich des baulichen Erbes diverser anderer industrieller Branchen anzunehmen und dieses mit Hilfe intelligenter, der Besonderheit des jeweiligen Ortes und seiner Denkmaleigenschaft Rechnung tragender Strategien und Projekte zu erhalten und gegebenenfalls in neue Nutzungen zu überführen. Auch hier bietet sich ein spannendes Feld für private Investoren.

 

 

Industriekultur als Querschnittsaufgabe

 

Ehemals industriell genutzte Gebäude und Flächen sind nicht nur als Zeugnisse der Wirtschafts- und Technikgeschichte des Saarlandes von Bedeutung. Sie ziehen auch verstärkt Menschen mit anderen Interessen an. Industriell entstandene Gebäude und industriell umgewandelte Landschaften legen beispielsweise Zeugnis von sozialgeschichtlichen Verhältnissen und von den Arbeits- und Lebensbedingungen der arbeitenden Menschen ab, die wiederum in die Gegenwart und Zukunft wirken, indem sie die Mentalität der Menschen in unserer Region wesentlich geprägt haben und weiterhin prägen. Aufgabe der Industriekultur muss es sein, dies zukünftig noch intensiver zu vermitteln und zu befördern.

 

Im Rahmen der Entwicklung beziehungsweise Folgenutzung ehemaliger Industrieareale und darauf befindlicher Industriegebäude sind Zuständigkeiten unterschiedlicher Fachressorts der Landesbehörden betroffen. Deren Zuständigkeiten und Kompetenzen sind fachlich jedoch begrenzt und auf konkrete Sachverhalte beziehungsweise Fragestellungen zugeschnitten. Deshalb müssen die Standorte und ihre Qualitäten querschnittsorientiert betrachtet und der informelle fachliche Austausch zwischen den Ressorts sichergestellt werden. Um dem Thema „Industriekultur“ als Querschnittsaufgabe gerecht zu werden, soll das Ministerium für Bildung und Kultur eine Schnittstellenfunktion für „Grundsatzfragen und Grundsatzangelegenheiten der Industriekultur“ übernehmen. Ziel ist es, hierbei auch die Akteure „vor Ort“ (zum Beispiel Initiativen, Vereine, Ehrenamtler_innen) in den Prozess einzubinden.

 

Neben den industriekulturellen Denkmälern, die bislang den Schwerpunkt in der industriekulturellen Beschäftigung des Saarlandes im Feld der Industriekultur gebildet haben, bestehen weitere Aufgabenfelder. Entsprechend ist der Themenkanon „Industriekultur“ deutlich weiter zu fassen.

Zu nennen sind hier folgende Themenkomplexe:

 

  • Die Stärkung der Arbeit der Besucherbergwerke. Zu nennen sind hier das Erlebnisbergwerk Velsen, das Saarländisches Bergbaumuseum Bexbach, das Besucherbergwerk Rischbachstollen St. Ingbert, der Emilianus-Stollen in St. Barbara und das historische Kupferbergwerk Düppenweiler. Zudem ist die Zusammenarbeit mit den saarländischen Museen und sonstigen regionalen Kulturakteuren weiter zu entwickeln (z. B. Historisches Museum Saar, Saarländischer Museumsverband e.V., Heimatmuseen, Hochschulen).

 

  • Die grenzüberschreitenden Kooperationen im Feld der Industriekultur. Besondere Bedeutung kommt hierbei der Zusammenarbeit mit dem „Parc Explor Wendel – Musée Les Mineurs Wendel und Musée La Mine Wendel“ in Petite-Rosselle, auch in Hinblick auf eine Vernetzung mit dem Weltkulturerbe Völklinger Hütte, zu.

 

  • Die Forcierung von Aktivitäten zur Stärkung der industriekulturellen und hier im Besonderen der bergbaulichen Erinnerungskultur.

 

  • Die Weiterentwicklung der Arbeiten im Bereich der „Industrienatur“, die das Ziel haben, signifikante und spezifische Sachverhalte des industriell bedingten Kulturlandschaftswandels in die Öffentlichkeit zu tragen. Die beispielsweise im Rahmen des EU-geförderten Projektes „Regionalpark Saar“ begonnenen Maßnahmen zur Inwertsetzung der saarländischen Halden- und Absinkweiherlandschaft im Saarkohlenwald und im Warndt bedürfen der Fortsetzung und Weiterentwicklung.

 

  • Die Themenstellung „Industriekultur und Kunst“ erschließt dem Feld der saarländischen Industriekultur nachweislich neue Möglichkeiten. Das Beispiel des „Saarpolygons“ auf der Bergehalde Ensdorf-Duhamel oder das prominente „Land Art“-Projekt auf der Halde Lydia des Bergwerks Camphausen belegen, welch vielfältiges Potential in der Verknüpfung von Industriekultur, Industrienatur und Kunst steckt. Projekte der Landmarkenkunst, zur Illumination von industriellen Stätten und zur Bespielung industriekultureller Orte mit unterschiedlich gelagerten Ausstellungsvorhaben sind zu unterstützen.

 

  • Die Aufgabenbereiche „Industriekultur, Heimat und Bildung“ bedürfen durch zielgruppenspezifische und zeitgemäße Angebote der Vermittlung. Führungsmodule zu industriekulturellen Attraktionen, die auch die Möglichkeiten der „neuen“ Medien nutzen, sind zu erarbeiten und auf die jeweiligen Notwendigkeiten der industriekulturellen Standorte abzustimmen. Die Konzipierung „besonderer“ öffentlichkeitsorientierter Veranstaltungen zum Thema Industriekultur dient der Förderung der allgemeinen Akzeptanz des Themas „Industriekultur“ in der breiten Öffentlichkeit.

 

  • In diesem Zusammenhang ist auch der Themenbereich „Industriekultur und schulische Bildung“ weiter zu entwickeln. Die Darstellung und Erklärung des Industrialisierungsprozesses und des nachfolgenden Strukturwandels im Gebiet des heutigen Saarlandes sind bereits vielfach verpflichtende Unterrichtsthemen, insbesondere in den Fächern Gesellschaftswissenschaften, Geschichte und Erdkunde. Industriedenkmäler werden in den Lehrplänen als außerschulische Lernorte ausgewiesen und für Unterrichtsgänge und Kulturwandertage empfohlen. Viele Orte der Industriekultur bieten sich auch als schulische Lerngelegenheiten in der Querschnittsaufgabe „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE) an. Diese könnten z. B. durch didaktisierte Materialien zum Thema Industriekultur wirkungsvoll unterstützt werden.

 

 

Vernetzung und Vermarktung industriekultureller Angebote

 

Die wesentlichen Orte der saarländischen Industriekultur bedürfen der gegenseitigen Vernetzung. Ihre besucherorientierten Angebote müssen aufeinander abgestimmt sein, so dass es keine thematischen bzw. inhaltlichen „Dopplungen“ innerhalb dieser Angebote gibt.

 

Die wichtigsten und qualitätsvollsten industriekulturellen Attraktionen sollen in die Strategien des Saarlandes einbezogen werden, die auf eine zukunftsorientierte und innovative Profilierung des Landes ausgerichtet sind.

 

Zur Bündelung der diversen industriekulturellen Angebote existieren bereits „Marken“ wie die „Europäische Route des industriekulturellen Erbes“ (ERIH) und die „Saarländische Bergbaustraße“.